Für Identität ohne Identitäre

Für Identität ohne Identitäre

Wer die EU nur wirtschaftlich begründet und die Unterschiede zwischen den Nationen überbetont, überlässt das Feld den Identitären:PlädoyerfürdiedringendeSuchenacheinereuropäischenIdentität–mithilfederAnthropologie. 􏰀PASCAL LAMY

Viel ist vom europäischen De- mokratiedefizit die Rede. Tat- sächlich ist das Grundpro- blem des heutigen Europas nicht so sehr ein Mangel an „kratos“, an Macht, sondern an „demos“, an Volk. Zwar folgen die Institutionen der Euro- päischen Union den Regeln der libera- len Demokratie, sie werden aber nicht oder kaum von einem Zusammengehö- rigkeitsgefühl beseelt. Um mit Elie Bar- navi zu sprechen: „Ohne emotionales Engagement und Wahrnehmung einer gemeinsamen Identität wird Europa hoffnungslos ,frigide‘ bleiben.“

Wir wissen heute, dass es nicht ge- nügt, mit dem Blei der Wirtschaft zu ar- beiten, um zum Gold der Politik zu ge- langen. Eine Barriere trennt die Spezies des Verbrauchers, des Schaffenden, des homo oeconomicus von der Spezies des Bürgers, des homo civicus – und die Europäische Union hat sie bis heute nicht überwunden.

In Märkte verliebt man sich nicht. Mit dieser Barriere müssen wir uns be- schäftigen. Wir müssen neue Wege fin- den, um die Forderungen der Bürger nach Identität, Wurzeln und Gemein- schaft mit den Erfordernissen wirt- schaftlicher Effizienz zu versöhnen. Es wäre unklug, würden wir weiterhin nur unter rationalen Gesichtspunkten in das europäische Projekt investieren und uns selbstgefällig auf dem Argu- ment ausruhen, dass ein Markt von 500 Millionen Verbrauchern nun ein- mal besser sei als ein Markt von 50 Mil- lionen. Dies ist zwar absolut richtig, aber – um mit Jacques Delors zu spre- chen – „man verliebt sich nicht in einen großen Markt“.

Der Dualismus von nationaler Leidenschaft und europäischer Vernunft ist sehr gefährlich.

Wir sind in der Geschichte des eu- ropäischen Projekts an einem Scheide- weg angelangt; wir können uns nicht mehr mit dem alten Dualismus zufrie- dengeben, der der europäischen Idee seit ihren Anfängen zugrunde liegt und folgendermaßen zusammengefasst werden kann: Gefühle und Affekte kommen den Nationalstaaten und der Heimat zu, Vernunft und Effizienz – als Antwort auf die großen Probleme welt- weit – dem vereinten Europa. Dieser Dualismus von nationaler Leidenschaft und europäischer Vernunft ist politisch äußerst gefährlich. Wenn man das eu- ropäische Projekt nämlich allein mit technokratischer Vernunft und wirt- schaftlicher Effizienz begründet, dann überlässt man damit die identitären Leidenschaften jenen Identitären, die abgeschottete Nationen und ein abge- schottetes Europa befürworten – und die Rückkehr zu einem vermeintlichen Reinzustand, den die Moderne zerstört habe.

Wie vorgehen? Welche Möglichkei- ten gibt es, sich die europäische Idee emotionell anzueignen, ohne im Iden- titären zu versinken? Was können wir tun, damit Europa für die Europäer zu einer „Imagined Community“ wird, wie Benedict Anderson es nannte? Das Hauptproblem dabei ist, dass der Weg zur Erkenntnis unserer Ähnlichkeiten durch übermäßige Wahrnehmung un- serer Unterschiede verstellt ist.

Einem universell anerkannten Prinzip zufolge bestätigt sich das Iden- titätsgefühl einer Gruppe durch die Ab- grenzung gegenüber den unmittelba- ren Nachbarn. Alles, was unsere ge- meinsamen Vorstellungen nährt – alles, was die Europäer von Kindheit an durch Literatur, Kunst, Geschichte oder Kinderreime in sich aufnehmen – ist zunächst einmal von den Unterschie- den zu den Nachbarn durchwirkt. Ich bin überzeugt davon, dass wir zuerst entschlossen diese Unterschiede er- kunden müssen, die so oft die transna- tionalen Gespräche unter Europäern stören – um in einem nächsten Schritt erkennen zu können, was uns verbin- det. Wir müssen uns die Systeme vor- nehmen, die unser kollektives Denken prägen, insbesondere im Geschichts-, Literatur-, Musik- und Sprachunter- richt: alles, was das Imaginäre betrifft, die Gefühle, die Erzählungen und die Art, wie die Europäer sich selbst und ihre Nachbarn wahrnehmen.

Für eine Anthropologie der EU. Ich möchte hier einen Weg dazu vorstel- len – eine Anthropologie des europäi- schen Projekts. Ich glaube, dass sich die europäischen Entscheidungsträger zu viel um Wirtschaft, Recht und Politik und zu wenig um Kunst, Sozial- und Geisteswissenschaften gekümmert ha- ben. Anders gesagt: Wir haben viel an der institutionellen Architektur der EU, ihrem gemeinsamen Markt und ihrer Gesetzgebung gearbeitet, dabei aber das tägliche Leben und die Vorstel- lungswelt der Menschen vernachläs- sigt. Ein anthropologischer Zugang er- scheint mir hier grundlegend: Er durch- leuchtet die Verflechtung von ökonomi- schen und politischen Elementen mit den Erinnerungs-, den kulturellen und symbolischen Aspekten, die in den ver- schiedenen Mitgliedstaaten die Bezie- hungen zu Europa ausmachen.

Genau in diese Richtung müssen wir gehen: Abseits des Geredes der Angst- und Albtraumflüsterer, das den öffentlichen Raum in Europa erfüllt, müssen wir versuchen, alles zu erfas- sen, was sich in Europa auf menschlicher Ebene tut. Wir müssen lernen, un- sere Verschiedenheiten besser zu ver- stehen und in der Folge auch das sich im täglichen Leben bildende „Gemein- same“ Europas klarer zu erkennen.

Ein Europäer frei vom Bedürfnis nach Zugehörigkeit wäre ein Schrumpfwesen.

Jean Monnet wird eine Formulie- rung zugeschrieben, die sehr zutreffend ist, auch wenn er sie nie gesagt hat: „Wäre das Ganze wieder von vorn an- zufangen, ich würde mit der Kultur be- ginnen.“ Kultur im breiten, im anthro- pologischen Sinn, nicht im Sinn einer eindeutigen Identitätspolitik: Sie ist der Rohstoff, den wir zu lang vernachlässigt haben. Ich weiß das Großherzige eines intellektuellen Ansatzes zu schätzen, der das Haus Europa von der Identi- tätsfrage trennen will – weil Identität das Risiko der Ausgrenzung und des Antagonismus berge. Doch eine euro- päische Identität wirft uns nicht zwangsläufig auf tief verwurzelte, es- senzialistische Zugehörigkeiten zurück. Und unsere jüngsten politischen Sor- gen im Rahmen der Europäischen Uni- on lehren uns, dass das Verlangen nach Identität und Gemeinschaft, das an al- len Ecken des Kontinents erwächst, an- halten wird. Wir können keinen euro- päischen Menschen schaffen, der frei ist von diesem Verlangen nach Zugehö- rigkeit. Ein solcher Europäer wäre ein Schrumpfwesen. Vielmehr müssen wir darüber nachdenken, wie wir dem Ver- langen nach Zugehörigkeit im Rahmen eines Prozesses gerecht werden kön- nen, der uns erkennen lässt, was uns als Europäer verbindet. Mit anderen Wor- ten: Wir müssen den Verfechtern eines Europa des Hl. Stephan (nach ungari- schem Vorbild, Anm. d. Red.) das Alter- nativbild eines Europa der Solidarität und der Kultur entgegenstellen.

Neue Lehrstühle von Cork bis Berlin. All diese Gegebenheiten haben mich dazu bewogen, die Gründung eines Netzes von Lehrstühlen für Anthropologie des zeitgenössischen Europa anzuregen. Die ersten Früchte zeigen sich bereits an der Universität von Louvain, der Hertie School of Governance in Berlin, der E ́cole Normale Supe ́rieure in Paris, der Universität in Cork und an ande- ren Orten. Ein solches Vorhaben ist zwangsläufig langwierig, gewunden und schwierig. Das Bewusstsein dieser Schwierigkeit sollte uns jedoch nicht daran hindern. Der Umweg über die Anthropologie ist wichtig, weil er uns erlaubt, ganz konkrete Dinge zu verste- hen, die das tägliche Leben und die Sit- ten der Europäer betreffen.

Kürzlich etwa war ein Symposium in Louvain den Galionsfiguren des eu- ropäischen Winters gewidmet, vom Heiligen Nikolaus bis zu Santa Claus; auch die italienische Befana oder der Krampus in Zentraleuropa waren The- ma. Diese „Figuren der europäischen Kälte“ führen uns in Gefilde, wo sich Entwicklungen der jüngsten Geschichte mit Winterfesten aus vorchristlicher Zeit verflechten; und zu Kontroversen, die von den Identitätsqualen des zeit- genössischen Europa zeugen. Wenn wir unsere Beschäftigung mit der europäi- schen Identität auf solche Objekte ver- lagern, gelangen wir zu einem neuen Verständnis für das Verhältnis von Par- tikularismus, Ähnlichkeit und Verände- rungen im zeitgenössischen Europa.

Schuldbegriffe im Mittelmeer. Doch die Anthropologie erlaubt es uns auch, Er- eignisse, die auf den ersten Blick rein wirtschaftlich-rational erscheinen, an- ders zu beleuchten: zum Beispiel die Vorstellung von Ausgaben und Schul- den in Deutschland und in Griechen- land. Oft wurde auch auf die Demüti- gung Griechenlands nach dem Mara- thon-Gipfel im Juli 2015 hingewiesen. Sollten wir nicht – um die ganze Trag- weite dieser Situation zu ermessen – die Bedeutung des Wortes „Demütigung“ in Mittelmeergesellschaften ausloten, bei denen die Gegenüberstellung von Ehre/Schande eine strukturierende Rolle spielt? Und sollten wir uns nicht erinnern, dass das deutsche Wort Schuld nicht nur „Geldschuld“, son- dern auch „Fehler“, „Strafwürdigkeit“, moralische Schuld bedeutet? Wir ha- ben es hier mit tiefgreifenden anthro- pologischen Elementen zu tun, die die Entwicklung eines Einvernehmens in wesentlichen Gebieten des europäi- schen Aufbaus begünstigen oder umge- kehrt blockieren können.

Die Zeit ist gekommen, Europa nach menschlichem Maß neu zu den- ken. Es ist Zeit, den Blick von der Wirt- schaft und Suprapolitik auf das Feld der Infrapolitik zu lenken, um hier Elemen- te einer neuen gemeinschaftlichen eu- ropäischen Erzählung zu finden. Um uns von dieser Notwendigkeit zu über- zeugen, genügt der Gedanke daran, was wir alles an kollektiven Mentalitä- ten zusammenfügen müssen, um eine gemeinsame Sicherheitspolitik aufzu- bauen. Eine solche wird uns nie gelin- gen, wenn wir nicht auch unsere Träu- me und Albträume miteinander teilen.

Träume und Albträume in Einklang zu bringen ist außerordentlich schwie- rig. Es bleibt jedoch der einzig mögli- che Weg, wollen wir nicht das Feld der Leidenschaften jenen überlassen, die diese Leidenschaften manipulieren, um das europäische Gemeinwohl
zu zerstören.

 

GASTAUTOR : PASCAL LAMY (71) ist ein französischer Politiker der Parti Socialiste. Er studierte Jus und Politik, u. a. an der renommierten Sciences Po in Paris sowie Verwaltungs- wissenschaften an der Kaderschmiede ENA.

Er begann seine politische Karriere in Frankreich als Berater von Wirtschafts- minister Jacques Delors und im Kabinett von Premier Pierre Mauroy.

Von 1999 bis 2004 war Lamy EU- Kommissar für Außen- handel, danach bis 2013 Generaldirektor der Welthandels- organisation.

 

􏰁 Katharina Roßboth